Scorp über: Casper – XOXO
Wir alle haben eine handvoll Soundtracks im Leben. Einige davon verbinden wir mit bestimmten Ereignissen andere wiederum mit gewissen Emotionen und Gefühlen. Meine Kindheit bestand überwiegend aus Chartpop den meine Mutter im Radio oder Fernseher hörte. Ich konnte lange Zeit nichts mit Musik anfangen. Zu langweilig fand ich sie, zu unausgelastet war ich beim anhören. [...]
Wir alle haben eine handvoll Soundtracks im Leben. Einige davon verbinden wir mit bestimmten Ereignissen andere wiederum mit gewissen Emotionen und Gefühlen. Meine Kindheit bestand überwiegend aus Chartpop den meine Mutter im Radio oder Fernseher hörte. Ich konnte lange Zeit nichts mit Musik anfangen. Zu langweilig fand ich sie, zu unausgelastet war ich beim anhören. Bis ich irgendwann mal einen Zehner mehr Taschengeld bekam und nicht wusste, was ich jetzt mit meinem neu gewonnenen Vermögen anfangen sollte. Ich fühlte mich als läge mir die Welt zu Füßen. Geld regiert eben doch!
Ich spazierte also erhobenen Hauptes und mit gefühlt unendlich viel Kohle in den nächsten Media Markt und suchte die CD-Abteilung auf. Dort kaufte ich mir meine erste Deutschrap-Platte die auf den Namen “La Haine – Sie nannten ihn Mücke” von Ercandize hörte. Nicht, dass ich ihn davor schon kannte, nein, allein des Covers willen. Seine Augen flüsterten mir quasi zu: “Wenn du mich nicht kaufst, werde ich dich im Schlaf heimsuchen und abmurksen!” Damit wären wir beim Anfang meiner Liebe zu Rap angelangt und zum zweiten Soundtrack meines Lebens.
Seit diesem Album, gab es kaum eine Platte, die mich so tief in ihren Bann zog und die mich auch nach fünfmaligem Repeat nicht ankotzte. Klar gab es zwischendurch Sentinos “Ich bin deutscher HipHop”, aber das war trotzdem nicht ganz so intensiv. Um aber endlich zum Thema zu kommen: Ich habe mit Caspers neuem Album “XOXO” den absoluten Soundtrack meiner momentanen Lebensphase gefunden…
(“Immer nur funktionieren nach Regeln und Listen/ Will inmitten der Schnappschüsse mal das Leben erwischen” Casper – Auf und davon)
Die Attitüde die er vermittelt, die Themen die er aufgreift, die Art wie er das alles rüberbringt – damit kann ich mich voll und ganz identifizieren. Er spricht genau das aus, was man nie zu formulieren wusste aber schon immer sagen wollte. Deutschland, dein größter Poet heißt Benjamin und ist 28 Jahre jung. Zeig etwas Respekt!
(“Und wieso, wenn es doch stimmt wie sich die Erde bewegt/ Sind dann immer die gleichen Sterne zu sehen?” Casper – Alaska)
Seit mittlerweile 4 Jahren quäle ich mich mehr schlecht als recht durch diese Routine, die allgemeinhin als “Leben” bekannt ist. Zwischen Aushilfsjobs, Praktika und abgebrochenem Studium wurde die Perspektivlosigkeit und das Ausbleiben jeglicher Motivation immer größer, sodass es von Tag zu Tag immer schwerer wird morgens die Maske der Unbeschwertheit aufzusetzen, den Rucksack voller Sorgen umzuhängen und sich auf den Weg Richtung Unbekannt zu begeben und in den Strom der Mitmenschen einzureihen. Und genau zu dieser Situation, zu der noch viele weitere Faktoren mitwirken, die ich hier aber nicht näher erläutern möchte, und zu den damit verbundenen Emotionen, passt diese Platte perfekt. Zwar wird mir dauernd geraten etwas “fröhlicheres” zu hören, aber wozu? Ich fühle mich beim anhören der Songs verstanden, wahrgenommen, ja sogar als vollwertiges Mitglied dieser Leistungsgesellschaft akzeptiert, in der ich mich sonst nie heimisch fühle. Wieso also etwas anderes hören, wenn es genau die Musik ist, die ich seit geraumer Zeit suchte aber nie in einen zufriedenstellendem Ausmaß fand?
(“Ich tätowiere mir deinen Namen übers Herz/ Mit Anker, damit jeder weiß wo meins hingehört” Casper – XOXO (ft. Thees Uhlmann))
Ich will auch gar nicht erst versuchen euch zu
beschreiben wie die Platte klingt, denn ein anderes Wort als “perfekt” finde ich dafür einfach nicht und es würde zu gezwungen und aufgesetzt rüberkommen das zu erklären. Lest euch dazu die “richtigen” Reviews von anderen Leuten durch, die versuchen alles zu kategorisieren, zu analysieren und in irgendwelche Schubladen zu stecken und nicht meine kleine Kolumne hier. Was mich allerdings selbst überraschte: Die Erwartungen an Casper und an dieses Album waren die letzten Jahre über so hoch wie bei kaum einem anderen Release und letzten Endes hat er es tatsächlich geschafft sie voll und ganz zu erfüllen! Wann kommt so etwas schon mal vor?
(“Mama war satt, warn einfach arm, einfach mies/ Du warst mal ein Jahr da, dann ein Jahr Krieg/ Wusst nie wo das liegt, wann du wieder mal kommst/ Malte dir Bilder mit Sonnen in jedem Brief an die Front” Casper – Das Grizzly Lied)
Als ich mir die CD am Freitag am PC das erste mal anhörte und nebenbei im Internet surfte, hab ich gemerkt, dass es dem Endprodukt so nicht würdig ist. Also nahm ich die CD raus, schmiss sie in mein MacBook und legte mich auf mein Bett. Die Musik im Ohr, um mich herum nichts als die Dunkelheit (es war schließlich 3 Uhr nachts) und die epochale Atmosphäre die hier geschaffen wird. Ich würde lügen wenn ich sagte, dass mir bei “Michael X” nicht die Tränen gekommen sind. Seitdem steht der Song auch ganz weit oben auf meiner “Songs-die-ich-nie-in-Gegenwart-anderer-hören-werde”-Liste. (Und wo wir schon bei dem Song sind: Gesteinigt werde jeder Konzertbesucher, der bei Ankündigung des Songs dumme Kommentare oder Zwischenrufe von sich gibt. Wenn ihr den ersten Stein nicht werfen wollt, so werfe ich ihn!)
(“Und deine Mom hält dein Zimmer wie du’s gelassen hast/ An dem Moment wo dich Willen und Mut verlassen hat” Casper – Michael X)
Wie beende ich nun diesen teilweise sehr unzusammenhängenden Gedankenauszug meinerseits? Ein großes und wirklich aus vollstem Herzen kommendes Dankeschön an Casper, der nicht nur mir, sondern höchstwahrscheinlich noch zig anderen Heranwachsenden aus der Seele spricht und deren Lage besser beschreibt, als sie es jemals könnten. Hiermit habt ihr meine absolute Kaufempfehlung und ich bin mir sicher, etwas besseres wird es dieses und auch kommendes Jahr nicht geben.
(“Es war nie bloß ein Look oder Song/ Nur Todeswunsch, bloß um zu gucken wer kommt” Casper – Kontrolle / Schlaf)
P.S.: “XOXO” ist das erste Album, dass ich mir digital bei iTunes gekauft habe. Zusätzlich zur CD und eigentlich nur wegen der “Track by Track”-Analyse und dem unheimlich sympathischen Eindruck, den er in jedem Interview hinterlässt. Kann ich nur empfehlen!
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DANKE! Ich fühle mit dir !
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Super geschrieben :) und es ist einfach ein super album, mit viel emotionen und gefühlen. Bei dem Michael X song gebe ich dir auch recht :D
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Der Satz, das es nicht würdig sei, dass Album nur nebenbei zu hören trifft das Album perfekt…sehr schöne Review!
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Du sprichst mir direkt aus der Seele!
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