Jahresrückblick 2011

Jahresrückblick 2011

Wenig Eindrucksvolles blieb mir im Kopf, wenn ich so über das Jahr 2011 nachdenke. Musikalisch gesehen. Ganze 4 Alben, die mich über längere Sicht beschäftigt haben sind eine eher magere Ausbeute. Da fiel die Wahl meines persönlichen Album des Jahres nicht schwer. Natürlich kann aufgrund zeitlicher sowie persönlicher Präferenzen nicht alles Beachtung finden. Rapper die sich mit früheren Ergüssen oder ein paar obligatorischen Teaservideos bereits selbstständig ins Abseits manövrierten, finden hier genauso wenig Platz, wie aus Zeitmangel von mir bisher nicht gehörte, potentiell hervorragende Werke wie zum Beispiel “Manx” von Maeckes. Aber genug des Vorgeplänkels – lasst die Spiele beginnen…

Erwartete Enttäuschungen und Durchschnittsbrei

Es gab wie immer wenig interessante Gestalten wie Farid Bang, Silla, Massiv und wie sie nicht alle heissen, die gewohnt Unspektakuläres vom Stapel ließen, dessen Zielgruppe mir immer noch völlig fremd ist, sodass ich sie gewissentlich ignorieren konnte. Aber auch mich meist prächtig unterhaltende Zeitgenossen, wie der leidenschaftliche Dudenfresser Kollegah haben jeglichen Unterhaltungswert im Autotune erstickt. Da helfen auch keine billigen Plastikbeats und gesungene Hooklines, um daraus gute Musik werden zu lassen. Auch wenn es mir im Deutschrap schon seit jeher mehr um die Texte geht, als um die musikalische Ausarbeitung… Ohrenkrebs bleibt Ohrenkrebs… Und Kollegah bleibt ein hervorragender Wortakrobat, der einfach mal richtig auf die Kacke hauen wollte oder in die Scheisse langen oder so. Wenig zu spüren von der “Bossaura”.

Kool Savas sah sich übrigens ebenfalls von einer “Aura” umgeben, allerdings in nicht bosshafter Ausführung. Die ist meiner Meinung nach zwar genauso wenig zu spüren, aber immerhin bringt er ein musikalisch über weite Strecken respektables Stück zustande. Dennoch ist für mich Savas irgendwo mal hängengeblieben und schafft es einfach nicht mehr sich weiterzuentwickeln. Durchschnittsbrei bleibt Durchschnittsbrei und Kool Savas bleibt der King of Rap und den Titel kann ihm wohl niemand mehr nehmen, egal wie weit sein Zenit mittlerweile überschritten ist. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ein Kool Savas genauso wie ein Samy Deluxe immer noch breiten Anklang bei den gemeinen Rapschädeln findet, was sich ja auch in zwei Nummer 1 Alben niederschlug, aber mir gab und geben diese alt gediegenen Herren zu meinem großen Bedauern recht wenig. Alles Geschmackssache.

Rebell, Urlaub, Wahnsinn!

“Rebell ohne Grund” war mir da schon lieber, vom auch schon alten Hund Prinz Pi. Endlich mal wieder etwas bessere Kost von meinem einstigen Lieblingsrapper (“!Donnerwetter!”), der sich an die Regel hält, an die sich wohl alles im Leben zu halten hat: Nachlassen. “Rebell ohne Grund” war wieder mit mehr Kopf und Herz produziert worden und hatte einige wirklich schöne Lieder in Petto. Trotzdem wird auch der Prince of Rap wohl nie mehr an seine Bestzeiten rankommen. Schade!

Danach gabs entspannenden “Urlaub fürs Gehirn” zwischen Kinderwagen-die-Treppe-Runtertretern, Haramstufe Rot und Schwanzgeküsse. Die “Kannibalen in Zivil” gaben sich dabei in gewohnter Manier, pechschwarz humoristisch, tiefgründig satirisch, sowie provozierend asozial. Ein Dreiergespann welches seit jeher funktioniert und selbst die Damenwelt in Verzückung versetzt, weswegen sich die “Kavaliere im Zugzwang” sahen und sich umgehend zu einem Konzert nur für Frauen entschlossen, welches großen Anklang fand. Da bleibt abschließend nur zu sagen: „Wer von euch hat schon mal eine Fliege mit Essstäbchen gefangen.“ Eben!

Wem das nicht schon “Wahnsinn” genug, gabs den auch noch in “ganz normaler” Form. “Wer bist du” war zwar erwartungsgemäß nicht zu toppen, aber solange bei F.R. noch die Sonne schneit ist die Welt soweit in Ordnung. Hat mir gefallen, wie immer. Doch irgendwie fehlte noch ein wirkliches Highlight in diesem Jahr….

Küsschen und Umarmungen

2011 war vor allem das Jahr der Versöhnung und Liebe, nicht nur weil Kaas mal wieder ein Album brachte (“Liebe, Sex & Twilight Zone”), wie auch immer er mit Eurodance Liebe und keinen Hass hervorrufen wollte, ich strafte dies jedenfalls mit Ignoranz, sondern auch weil Bushido und Sido sich ganz knuddelig versöhnten um sich gleich ins Studio zu stürzen und einen Meilenstein des deutschen Raps zu produzieren (“23″), auf den die Welt nur gewartet hat, schon allein wegen Peter Maffey. Ja genau, Peter Maffey, der wohl nur so klein geraten ist aufgrund des fehlenden Rückgrats. Ein bisschen Geld mit Bushido machen und sich dann schnell aus der Affäre ziehen: „Eigentlich hab ich den ja noch nie gemocht.“ Ein bisschen klang das so. Wie auch immer, auf dem Cover ist übrigens nicht Eko Fresh zu sehen. Eulenvergleiche sind natürlich überholt, dessen bin ich mir bewusst, schließlich ist mittlerweile auch bekannt, dass Ekrem nicht als Eule, sondern als Tupac wiedergeboren wurde. Welches Genie “Ich bin jung und brauche das Geld” geschrieben hat wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Ich kann mir mittlerweile nicht mehr vorstellen, dass ein solcher Leistungsabfall wirklich ein natürlicher Prozess ist… Falls doch, schlummert wohl irgendwo tief in Eko Fresh ein Genie, das vielleicht ja auch irgendwann wiedergeboren wird.

Aber zurück zum Thema. Noch mehr Küsschen gabs nämlich von Vox, die sich jeden Rapper, der nicht schnell genug „Nein, ich verkauf mich nicht für euren Dreckssender” sagen konnte, krallten und sie mit Schlagersängern in die Folterkammer steckten, um aus ihnen heilige Scheisse rauszupressen. Gesteh du Mistsack!! Alle Schlagersänger finden Rap übrigens super, dann doch lieber die Ignoranz der alten Schule und alles außer HipHop verteufeln.

Umarmt wurde Rap auch von den Charts. 4 mal Platz 1 für deutsche Rapalben. Das ich das noch erleben darf, ein wahres Fest der Liebe. Und keiner hats so sehr verdient wie derjenige der Holzfällerhemden und enge Jeans zur Modeerscheinung machte. Auch er schickte Küsschen und Umarmungen die so lange ersehnt waren, dass sie schon vor ihrer Ankunft für reine Ekstase sorgten. Casper hat ohne Zweifel das lyrisch und musikalisch anspruchsvollste Werk dieses Jahres geschaffen und mit seinem wohlverdienten Erfolg Rap wieder menschlicher gemacht. Und wie jeder Mensch war auch dieses Album nicht frei von Fehlern, das Cover fand ich übrigens herausragend, den Titel “XOXO”, dem ich vielleicht einem sexuell gestörten 14-jährigen Schulmädchen hätte durchgehen lassen, weniger, aber auch das ist Geschmackssache und mir sind Onlineabkürzungen generell fremd und zuwider. Dennoch Danke für das bewegendste Stück Musik 2011, das, da bin ich mir sicher, noch lange nachhallen wird und sich schon jetzt einen Platz in der Siegeshalle verdient hat.

Ein Fazit auf Umwegen

Ein gutes Jahr für Rap, ein erfolgreiches Jahr, das uns einen zeitlosen Klassiker bescherte, ein paar erwartete Enttäuschungen und viel vom allgemeinen Durchschnittsgesabbel. Einen vermisste ich ganz besonders, aber umso mehr freue ich mich auf die bereits angekündigte “Raus EP” von Tua im nächsten Jahr. Es scheint, als sei Rap nun wirklich massentauglicher geworden und beinahe sogar so, als ließe sich wieder Geld damit verdienen, trotz der toten Plattenindustrie (Warum nur? Warum? Verstehe wer will…).

Um mal kurz weg vom Rap zu kommen, wenn die gesamte Musikindustrie dieses Jahr genau ein gutes Stück Musik zustande brachte und zwischen Analperlenspiel und „Gigi ih jojo oh lala uh lets go“-Gesinge keine interessanten Gegenstücke zum Einheitsbrei – womit die genannten noch glimpflich davonkommen – setzte, ist es kein Wunder, dass man nur noch halb so viele Millionen mit Musik verdient. Besagtes einzig gutes Werk ist dieses Jahr übrigens “Somebody That I Used To Know” von Gotye ft. Kimbra. Für die Tellerrandgucker. Passt auch wunderbar zur kalten Jahreszeit.

Zum Abschluss wünsche ich euch allen ein hervorragendes neues Jahr mit mindestens 10 Nummer 1 Alben und Tua. Viel Glück und Gesundheit und jeden Tag eine Prise PlayMuzikk.de

In diesem Sinne…

XOXO

Widefeld

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Zwischen Genie und Wahnsinn schwankendes, misanthropisches Ungetüm an literarisch geballter Gewalt, gebannt, gebändigt und zu Papier gebracht von Widefeld...

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Kommentare

  • D2N sagt:

    Interessant!

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  • Raphead sagt:

    Gut geschirebener Text!
    Gibts auch einen Rückblick für US-Hip Hop ?

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  • Diggedi sagt:

    Yo läuft, aber letzter Abschnitt ist halt Unsinn. Abseits von Rap gab es diverse hochklassige Veröffentlichungen. Florence + the machine, um nur ein Beispiel zu nennen.

    one

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  • Widefeld sagt:

    ..was ich so ausm Radio mitgenommen hab erinnerte mich an Brechreiz, grad gegen Ende des Jahres, indem man echt perfekten Dreck und andere Belanglosigkeiten ertragen musste… Ich mein “gigi ih jojo”, oder wie auch immer, klingt als wär es im Laufe einer Beschäftigungsstrategie in einem Kindergarten für geistig Minderbemittelte entstanden.. da sind dann wohl die Pferde mit mir durchgegangen.. höchstwahrscheinlich gab es noch einige gute Lieder, ich bin nur gerne böse… blablabla, langweilig, ich schreib zuviel. Danke für alle die hier kommentieren und sich meinen Jahresrückblick zu Gemüte führten.

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